Es fängt beides mit „F“ an. Es hat aber sonst nicht viel gemeinsam: Freeriden und Familie. Wer freeriden will, lässt die Kids daheim. Early Bird steht im Konflikt mit Auto beladen, maulige Kinder in den Autositz pressen oder ‚Ich muss mal’-Pausen. Ganz schön uncool: im familienfreundlichen Siebensitzer die Passstraße hochgurken, Kinderkotze von den Sitzen abwischen, während die anderen in der ersten Gondel die Skischuhschnallen schließen. Eigentlich ist der Begriff Kinder in der Szene insgesamt uncool; in der Szene heißen sie Kids oder Juniors, die sind dann aber schon elf oder 14. Bis dahin heißt es: ‚Mama, ich muss kacka‘ – während die ersten Freerider schon ihre Tracks legen, legt man trocken.

Wir haben aber jetzt einfach beides: Kinder UND Bock auf Freeriden. Auf der Suche nach passenden Gebieten für den Backcountry-Trip inklusive Kids sind wir anspruchsvoll: bitte kein kleiner Hügel, wo man noch Punktekarten bekommt, Mama und Papa aber beim Skifahren auf der einzigen Piste Sekundenschlaf kriegen. Freerideanteil: 5% – nämlich unter der Gondel zurück zum Lift. Das mag ja für einen Tag funktionieren, aber eine Urlaubswoche füllt man damit nicht aus. Wohin also dann?

Unsere Recherche bei erfahrenen Freunden ergibt als nächstes Reiseziel die Region Serfaus-Fiss-Ladis. Bisher haben wir über das Familienskigebiet nur Gutes gehört – vor allem aber ist es durch den Zusammenschluss dreier Regionen groß und abwechslungsreich. Es startet auf 1200-1400 Metern Höhe über dem Tiroler Inntal. Ein klassisches Hochplateau. Zuviel ‚Familie‘ schloss bei uns bisher Freeriden aus. Mal sehen, ob das dort anders ist.

IMG_0574 Mit Sack und Pack machen wir uns auf. Die Anreise verläuft unkompliziert, man ist aus München in rund zwei Stunden da. Kein Problem mit Kindern, das kann man gut übebrücken. Unser Hotel liegt in Serfaus. Schöne Überraschung: der Ort ist praktisch autofrei – zum Ausladen darf man noch reinfahren, danach wird die Kutsche nicht mehr bewegt. Später fahren wir nur noch mit der Dorf-„U-Bahn“. Diese unterirdische Luftkissenbahn verbindet auch den großen Parkplatz am Ortseingang mit der Talstation und ist eine umweltfreundliche Alternative zum Skibus. Unzählige Hotels, Appartementhäuser und Pensionen für alle Budgets finden sich in der Region. Wir ziehen in ein großartiges Kinderhotel. Das Tolle: es hat ein riesiges Schwimmbad, einen überdimensionalen Kinderbetreuungstrakt, schicke Zimmer und Wellness. Nach dem reichhaltigen Frühstück gibt’s einen Mittagstisch, anschließend Kuchenbuffet und Jause, gekrönt vom Gala-Dinner. Nur eine Stunde am Tag ist quasi essensfrei. Wann sollen wir es überhaupt ins Gelände schaffen? Gleich am Nachmittag des Anreisetags scheint das aber in Serfaus-Fiss-Ladis kein Problem darzustellen: auch Tage nach Neuschneefall gibt es keinen übermäßigen Stress mit First-Track. Wir fellen an, marschieren ein wenig und finden anspruchsvolle Abfahrten in Sichtweite zu den Pisten. Plötzlich werden die Vorteile eines Familienskigebiets für uns klar: hier gehen einfach wenige Leute ins Gelände, mit ein bischen queren bekommt man viel Schnee für wenig Aufwand. Wir sind begeistert. Und der Nachwuchs? Spielt glücklich in der Kinderbetreuung. Nächster Morgen: Löwe und Bär kommen mit zum Essen. Die überdimensionalen Plüschtiere verschönern das Frühstück. Die Kinder sind exstatisch, die Eltern entspannt. Was sich nun doch ein wenig nach Pauschalurlaub anfühlt und nichts mit cooler Ski-Bum-Romantik zu tun hat, birgt ungeahnte  Vorteile. Wir kommen zu dem Schluss: so kann Freeriden mit kleinen Kindern ohne die Schwiegereltern im Schlepptau sogar richtig gut funktionieren: Betreuungszeiten von 8:30 bis 21 Uhr oder Ganztagesskikurse direkt im Skigebiet. Die erste Gondel kriegen? Kein Problem für Eltern, sofern man sich denn vom Buffett losreißen kann…

Auch am nächsten Tag heißt das Motto: Free-Touring. Wer einen Workout sucht, klebt die Felle direkt unten an der Talstation auf und stapft die Rodelbahn bergauf. Oben klärt der „Feel Free“-Info-Point über die zehn offiziellen Freeride-Routen auf, LVS-Check inklusive. Die zahlreichen Liftanlagen erweitern das Spielfeld Berg enorm. Allerdings braucht man ein wenig Zeit bis man ganz hinten am Masnerkopf (2880 m) ankommt. Weite unberührte Flächen und einige steile Rinnen warten auf uns. 2000 Sonnenstunden im Jahr hat Serfaus, die Kehrseite sind wenig Nordhänge, die Sonne strahlt die meisten Flanken an. Aber wer wird sich schon im April darüber beschweren? Wer suchet, der findet. Und die Suche fällt hier angesichts der guten Terrain-Übersicht leicht.

Am Nachmittag wird der Sohn abgeholt. Die Skischulen vor Ort geben richtig Gas, was die Nachwuchsförderung angeht. Einen eigenen sonnigen Bereich direkt im Skigebiet unterhalb der Mittelstation Komperdell hat die Schneealm ergattert. Viele Lehrer und Gruppen, Kinderspiele und Animationstänze mit dem Murmeltier erhalten die gute Laune bei den Kids. Macht auch Sinn – gut gelaunte Kinder = gut gelaunte Eltern. Nach dem Kurs gehen wir gemeinsam auf die Piste. Wir sausen durch den Bärentunnel, besuchen den Dinosaurierpark und schießen durch den Murmlitrail. Sicher, das lässt kein Freerider Herz höher schlagen, aber mit ein paar schönen Abfahrten vom vormittag in den Beinen und im Kopf macht auch das sogar Spaß. Auch der Sohn wird durch die mannshohen Dinos von seinen brennden Oberschenkeln abgelenkt und wir können kurz vor Gondelschluss sogar eine rote Piste gemeinsam abfahren. Den Nachmittag wärmen wir uns im Schwimmbad des Hotels auf und genießen einen Grillabend.

Aufstehen fällt auch tags drauf nicht schwer. Ein Vorteil, wenn man mit Kindern reist – zu lang wird der Abend nicht. Heute nehmen wir nicht die U-Bahn, sondern laufen durch den Ort zur Komperdell-Pendelbahn. Klein und adrett präsentiert sich Serfaus auch hier als Wintersport-Ort, an dem man gerne mehr Zeit verbringt. Alle sind happy. Unser Fazit: Freeriden und Familie – hat nicht viel mit Abenteuer zu tun, aber mit ein bisschen Vorbereitung, dem richtigen Skigebiet und zubuchbarer Kinderbetreuung kann Freeriden mit Familie im Schlepptau alle froh machen.

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