Popping Pillows
Powderhighway: Bavarian Style

ep.01 Rossland

Der Wecker klingelt und zwei Sekunden später stehe ich aufrecht im Bett. Vor lauter Aufregung habe ich kaum ein Auge zugetan und eigentlich nur auf den Sound meines Weckers gewartet. Maximal akkurat hatten wir am Vorabend die Sachen gepackt, also Taschen in die Karre und ab geht’s. Es pisst, das Thermometer zeigt stattliche 15 Grad an. Während wir unser Gepäck vom Kofferraum durch die Drehtüren in den Terminal zerren, witzeln wir über den grandiosen Winter in unseren Breiten, doch wir sind ganz entspannt. Die drei Buchstaben auf unserem Flugticket scheinen dieses Jahr der Schlüssel zum Paradies zu sein. YVR – Vancouver International Airport

Aus dem Blick auf dicke Wolken über Deutschland wurde nach fünf Stunden Schlaf schließlich eine atemberaubende Aussicht, auf die im Sonnenaufgang erstrahlende Eiswüste Grönlands. Es folgte viel Eis und Schnee über der Nordwestpassage, bis sich uns schließlich die ersten Berge, die Rockies, entgegenstreckten. Bis zur Landung in Vancouver bekamen wir unsere Nasen nicht von den Gucklöchern und malten gedanklich schon die ersten Lines in diese majestätische Bergwelt.

„Welcome to Canada“ huschte der freundlichen Stewardess über die Lippen, als wir das Flugzeug verließen und endlich kanadischen Boden betraten. Eigentlich war es uns schnuppe, welchem Land dieser Boden gehörte, Hauptsache wir konnten nach zehn Flugstunden unsere matschigen Beine überhaupt über irgendeinen Boden ziehen. Ungeduldig warteten wir in der Schlange zur Einreise und legten uns einige Sätze parat, um den Grenzer möglichst schnell von unserer Unschuld zu überzeugen. Statt uns mit finsterer Miene Fragen ins Gesicht zu schleudern, schien der Beamte sichtlich interessiert an unseren Plänen für die nächsten Wochen. „Have fun skiing and enjoy Canada“, sagte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht und entließ uns schließlich in die große Eingangshalle.

Eine Stunde später rollen wir mit unserem gemieteten Suzuki Grand Vitara durch das Uni Viertel der UBC Richtung Jericho Beach. Während meines Work and Travel Aufenthalts habe ich dort eine Weile gelebt und kann mich nur zu gut an den Blick auf die Skyline und die chillige Atmosphäre erinnern. Also nichts wie hin und erstmal klarkommen.

Vor meinen Augen ist es dunkel, tiefschwarz, um genau zu sein. Die Luft bleibt mir weg, Einatmen scheint nicht möglich. Ich fühle mich schwerelos, treibe im Nichts und weiß nicht, wohin die Reise geht. Ein lauter Schrei weist mir den Weg. Es ist Philipp, der seine Euphorie allen Waldbewohnern lautstark mitteilt. Ich tauche wieder auf, nicht etwa aus einem Traum, sondern aus einer riesigen Wolke aus trockenem Champagne Powder. Einmal tief Luft holen, schnell die Umgebung checken, um nicht am nächsten Baum zu kleben und abtauchen. Selbst mit meinen 190cm Körpergröße habe ich ständig das Gefühl, vollkommen in der Schneedecke zu verschwinden.

Gerade einmal 24 Stunden ist es her, seit wir bei 12 Grad die milde Meeresluft in Vancouver genossen haben. Nach einem kurzen Stop ging es rund 600 km ins Landesinnere nach Rossland, genauer gesagt ins freie Gelände des Catskiing Unternehmens Big Red Cats. Wie kleine Kinder, die es gar nicht erwarten können, bis das Christkind endlich die Geschenke unter den Baum legt, sitzen wir inzwischen mit zehn anderen Jungs in einer großen Alukiste, befestigt auf dem Rücken einer Pistenraupe. Die Plexiglasfenster des Aufbaus, in dem wir sitzen, sind so stark angefroren, dass wir die tief verschneiten Bäume nur anhand der Silhouetten erkennen können. Mit einem heftigen Ruck bleibt die Raupe stehen und ein paar Sekunden später springt auch schon die Tür auf. „Let’s go, guys!“ ruft der Guide, während die ersten gerade aus der Kabine krabbeln.

Nach einem beherzten Sprung aus der Kabine stecken wir bis zum Bauchnabel im staubtrockenen kanadischen Powder. Erst als wir uns wieder ausgebuddelt haben, lassen wir den Blick über die endlosen Weiten schweifen und genießen für einen Moment ganz intensiv eine tief verschneite Bergwelt, wie wir sie von zu Hause nicht kennen. Als der Guide nur kurze Augenblicke später über die nächste Kante schiebt, dabei eine tiefe Spur hinterlässt und fröhlich verkündet, „This is our playground for today“, heißt es: rein in die Bindung, Schnorchel aufsetzen und erneut auf Tauchfahrt gehen.

Nach zwei Tagen absolutem Powder Madness relaxen wir im Whirlpool unseres Airbnb Hosts und versuchen zu begreifen, was wir in vier Tagen in diesem Land schon alles erlebt haben. Während wir in 38 Grad heißem Wasser schwitzen und die Schneeflocken betrachten, die vom Himmel rieseln, checken wir den Wetterbericht für unseren nächsten Stop im nahegelegenen Whitewater. Die Wetterkarten sind lila, Tag für Tag sind Neuschneemengen prognostiziert, die bei uns im ganzen Jahr noch nicht gefallen sind. Wir lehnen uns zurück, kippen unser Dosenbier herunter und stellen uns gedanklich schon auf die nächste Ladung Powder ein.

#staytuned ep.02 am 3. Dezember