Popping Pillows – ep.03 Sun Peaks

Besser, aber auch anstrengender, hätte die Zeit in Whitewater kaum sein können! Die Locals scheuchen uns vom „first chair“ bis Liftschluss derart durchs Gelände, dass wir die Ski gerade einmal für die Mittagspause 5 Minuten ausziehen dürfen. Wenigstens einen Tag Pause gönnen wir uns, damit sich unsere Skischuhrand-Prellungen wenigstens auf ein erträgliches Maß regenerieren können. Ein Travel-Day steht auf dem Programm, diesmal von Whitewater nach Revelstoke. Zum ersten Mal haben wir das Gefühl, ein bisschen runter zu kommen und die kanadische Gelassenheit genießen zu können. Während der Fahrt buchen wir noch ein Hostel und schon ein paar Stunden später stehen wir im tief verschneiten Revelstoke.

Ein LKW nach dem anderen donnert mit hundert Sachen auf der schneebedeckten Fahrbahn an uns vorbei. Wir passieren eine Haubitzenbasis nach der anderen, auf der bei Lawinengefahr die großen Kaliber installiert werden, um jegliche Gefahr vor Schneerutschen zu eliminieren. Der Rogers Pass ist eine der wichtigsten Durchgangspassagen des Trans Canada Highway und liegt inmitten des Glacier National Park. Wir sehen unseren vermeintlichen Parkplatz und werfen nochmal einen Blick in unseren Skitourenführer. Mit einem lapidaren „Wird schon passen“ klatschen wir die Felle auf die Ski und stapfen durch den dichten Wald. Pillowlines stehen auf dem Menüplan. Von einem Plan kann jedoch kaum die Rede sein, denn schon am Vorabend sind wir bei genauerem Studieren des besagten Führers von der Weitläufigkeit des Gebietes derart überfordert, dass wir die bevorstehende Tour anhand eines Bildes mit der vielversprechendsten Pillowline auswählen.

Vermutlich hätte uns bei jeder anderen Tour da oben ähnliches Gelände erwartet, doch nun stehen wir genau dort, wo wir hinwollen. Schon beim Aufstieg durch den teilweise hüfttiefen Schnee sehen wir Pillowlines soweit das Auge reicht und wir müssen uns schwer zusammenreißen, nicht direkt über die nächstbesten Pillows hinunter zu hüpfen. Weiter zu gehen als bis zur Baumgrenze, lässt an diesem Tag die angespannte Lawinensituation nicht zu, trotzdem belohnen wir uns mit einem Ausblick der Extraklasse. Erst jetzt werden uns die unglaublichen Ausmaße der umliegenden Berge und Gletscher bewusst, deren Dimensionen wir bestenfalls aus der Schweiz oder Frankreich kannten. Wir können uns kaum satt sehen, trotzdem heißt es: runter mit den Fellen und ab in die Kissenschlacht!

„Revelstoke Court House“ lese ich an der großen Holztüre, die ich aufstoße, um mich in die Eingangshalle zu begeben. Schnurstracks gehe ich dem massiven Eichenholztresen entgegen, wo mich ein Schönling im weißen Hemd empfängt. „Hi, how is it going? How was your day?“ fragt mich der Mann bestens gelaunt. Ich fasse es nicht, das ist vermutlich der freundlichste Beamte, den ich in meinem Leben getroffen habe. Ich hatte zwar nichts verbrochen, doch im Eifer des Gefechts und verplant wie wir sind, hatten wir vergessen, ein „Permit“ für den Nationalpark zu lösen, das uns zum Parken am Startpunkt unserer Skitour berechtigt hätte. Ich bezahle das Ticket, flitze zur Tür hinaus und springe in die Karre, in der Philipp mit laufendem Motor wartet. Den Schalthebel auf 4Wheel Drive und ab nach Sun Peaks.

Ich sehe nichts. Tatsächlich gar nichts. Eine Spur in den hüfttiefen Schnee zu ziehen ist mittlerweile zur Routine geworden, deshalb aber nicht minder anstrengend. Das Gelände wird flacher und ein paar Bäume geben uns die nötigen Kontraste, um festzustellen, dass wir unser Ziel erreicht haben. Plötzlich ist Musik zu hören und das Klacken einer Bindung ist auszumachen, obwohl der dichte Nebel uns noch nicht verrät, wer da auf uns zukommt. Plötzlich steht er vor uns. An seiner Klamotte und den Salomonski erkenne ich ihn sofort, es ist Kieran Nikula. Kieran ist ein Local in Sun Peaks, ich hatte ihn während meines Work & Travel Aufenthalts hier kennengelernt und scheinbar hatte er das gleiche Powderloch gefunden wie wir. Dass wir es überhaupt bis hierher geschafft hatten, haben wir meinen Erinnerungen aus der Zeit in Sun Peaks zu verdanken, auf die wir uns im dichten Nebel zu 100% verließen, um diesen Spot zu finden. Mit Kieran an unserer Seite konnte die Gaudi losgehen. Ein paar Runs zum Warmwerden, bevor wir das ein oder andere Cliff bearbeiten, um anschließend mehr oder weniger erfolgreich an unserer Flugperformance zu arbeiten. Es ist nicht zu fassen, denn es ist der elfte Tag in Folge, den wir im bodenlosen Powder verbringen. Beim Aprés Bier im „Bottoms“, einer Bar direkt am Fuße des Sessellifts, plaudern wir mit Kieran über das Resort und die überdurchschnittlich gute Saison. „You guys were pretty lucky! I think you hit the best day of the season up here in Sun Peaks!“ Mit diesen Worten verabschieden wir uns von Kieran und steigen ins Auto. Eine lange Fahrt nach Whistler steht an, es schneit wie verrückt. Wie könnte es auch anders sein.

Auch für Whistler verspricht uns der Wetterbericht wieder kräftig Neuschnee. Allerdings hat es die versprochenen 20-30cm Neuschnee wohl durch den Sturm über Nacht ins nächste Tal geblasen und die Realität sind eher knusprige Bedingungen, bei waagrechtem Schneefall, kaum Sicht und gefühlten -20°.

Der Wind bläst uns den Schnee waagerecht ins Gesicht, die Fingerspitzen spüren wir schon längst nicht mehr. Die Sicht ist miserabel und wir müssen uns erstmal orientieren, als uns der Showcase T-Bar am höchsten Punkt von Blackcomb Mountain ausspuckt. Wer denkt, an so einem Tag allein unterwegs zu sein, der irrt sich. Geradewegs stapft eine Familie an uns vorbei in Richtung Backcountry-Access. Die beiden Jungs, wohl nicht älter als 12 Jahre, machen das scheinbar nicht zum ersten Mal und tippeln brav ihren Eltern hinterher. Eins ist klar: Vom Herumstehen wird’s nicht besser. Also rein in die Bindung und direkt hinterher. Nach einem etwas verhaltenen ersten Run kommen wir, wie bei fast jeder Liftfahrt, mit unseren Mitfahrern ins Gespräch. Entweder ist uns die Planlosigkeit auf die Stirn geschrieben oder die Kanadier haben tatsachlich einfach Freude daran, uns als Neulinge ihr Gebiet zu zeigen. Auf alle Fälle konnten wir uns so schnell gar nicht umsehen, da waren wir schon wieder für den Rest des Tages Teil einer sechsköpfigen Gruppe, die nicht vom Gas gingen bis sie uns auch jeden einzelnen ihrer Lieblingsruns gezeigt hatten.

Nach drei Tagen in Whistler schlägt das Wetter um, es wird wärmer und wir cruisen den Highway hinunter nach Vancouver. Unsere Freunde Jessica und Pierre erwarten uns mit lokalem Bier und einem Kaiserschmarrn nach kanadischer Art. Wir kommen etwas zur Ruhe und genießen den letzten Abend in diesem wunderbaren Land, bevor uns der Jetlag und die warmen Temperaturen in Deutschland zwei Tage später mit aller Gewalt ins Gesicht schlagen.