Ohne jemanden in den Urlaub fahren bedeutet auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Alleine zum Freeriden zu fahren heißt aber auch, sich Gefahren auszusetzen, die nicht sein müssen. Unsere Autorin Nele Rößler fragte sich, ob es das wert ist. Sie probierte es in Crans-Montana in der Schweiz aus aus.

Text und Bilder: Nele Rößler

Nach dem zweiten Tag alleine Freeriden in Crans-Montana in der Schweiz weiß ich, ich habe alles richtig gemacht. Vorher fühlte ich mich wie das auf einem SPD-Parteitag vorgetragene Horrorszenario eines Rentners: Arm und einsam. Aber als ich nach einer Skitour bei Apfelkuchen und Cappuccino im Café sitze und das Pärchen neben mir eine Stunde darüber diskutiert, ob sie morgen in die Therme fahren oder eine Skitour gehen sollen, fühle ich mich nur noch arm. Verstärkt wird das Gefühl durch eine Gruppe von Jugendlichen neben mir. Sie „reden“ mit einem Geräuschpegel der einem Presslufthammer gleichkommt über die letzte Party.

Vormittags war das noch ganz anders. Mein Plan war einfach: Aufstehen, Kaffee trinken, Frühstücken, erste Tour gehen. Draußen ist es grau und stürmisch. Ich trinke eine Tasse Kaffee, dann zwei, dann drei, dann vier. Sieht ja keiner. Irgendwann spiele ich Bridget Jones in Schokolade zum Frühstück. Gefühlte (vielleicht auch faktisch richtige) 2000 Kalorien und zwei Stunden später starte ich dann doch hoch zum Violettes. Es ist ein Dienstagmittag Ende November, natürlich begegne ich niemanden. Es ist gruselig. Beim Abfahren fahre ich in einen leicht sulzigen Hang. Normalerweise würde ich einfach runter preschen. Aber jetzt, wo ich alleine in dem Grau stehe, startet mein Kopfkino. Wenn mir was passiert, ist niemand hier. Mein Handy ist in einer Tasche hinten im Rucksack. Wenn ich ungünstig falle, komme ich da nicht ran. Ich stoppe, nehme das Handy aus dem Rucksack und stecke es in meine Jackentasche. So lange ich nicht ohnmächtig werde oder mir nicht beide Arme breche, sollte es nun bedienbar sein. Dann merke ich, dass ich keine Schweizer Notfallnummer (später schaue ich nach, es ist die 1414, Schweizer Vorwahl 0041) eingespeichert habe. Ich drehe um und fahre zurück auf die abgesteckte Route. Genau jetzt kommt mir natürlich ein anderer Tourengeher entgegen. Sein „Doch zu schwer?“, nervt mich. Ich habe mich gerade für die Sicherheit entschieden, das sollte doch anders belohnt werden. Richtig schlechte Laune bekomme ich, als ich an mein lautes Mitsingen alter Bob Dylan Songs beim Hochgehen denke. Ich war wohl doch nicht so alleine hier wie ich dachte.


Nach der Tour fühle ich mich nicht nur alleine, sondern auch unsicher.

Ist das nicht vielleicht doch alles ganz schön gefährlich? Auf Grund von fehlendem WLAN in der Ferienwohnung kann ich meinen Freunden nicht mal per What´s App mein Leid klagen. Ich gehe also WLAN suchen. Und finde es im Café Taillens zusammen mit einer schönen Aussicht auf das Rhônetal. Also bestelle ich Kaffee und ein Stück Apfelkuchen. Für das Geld bekäme ich in Deutschland einen ganzen Kuchen. Immerhin ist er ziemlich lecker. Als mein Handy sich mit dem Internet verbunden hat, zeigt es 54 What´s App Nachrichten, 20 Emails und zehn Facebook Messages an. Mein neuer Vermieter, der etwas wegen dem Mietvertrag wissen will, mein Bruder wegen Weihnachtsgeschenken, meine Oma, die fragt, ob ich mit meinen Stricksachen weiterkomme. Meine Eltern, die wissen wollen, wie der Schnee ist. Das ist mir zu viel. Ich mache mein Handy aus und höre den anderen Gästen bei ihren Streitereien oder – noch schlimmer- stundenlangem Schweigen zu. Ich schließe mit meiner Situation Frieden. Besser alleine als gemeinsam einsam.

Es erschreckt mich. Bin ich wirklich so eitel?

Am nächsten Tag sehe ich das anders. Ich fahre im Skigebiet. Weil Samstag ist, laufen die Gondeln und ich teile mir die Pisten mit Schweizer Familien, Horden von Teenager-Cliquen und Skischulschülern. Ich fahre ein paar Tiefschneehänge, aber der Schnee ist schlecht und ich merke schnell: Wenn keiner zuschaut, keiner sagt: „Das sieht gut aus“, macht es nicht ganz so viel Spaß wie sonst. Es erschreckt mich. Bin ich wirklich so eitel? Schließlich versuche ich mir einzureden, dass es mir auch fehlt, meine Freunde zu beobachten, ihnen Tipps und Komplimente zu geben und gemeinsam über den Schnee zu fachsimpeln. Irgendwann fahre ich nur noch Piste. Ich versuche mir einzureden, dass ich das nur mache, weil der Schnee nicht so schön ist. Nachdem ich gefühlte 20 Mal den selben Lift gefahren bin und sogar die Kinder aus der Skischule beginnen mich zu grüßen, fahre ich am frühen Nachmittag ab.

Am Morgen darauf ist der Himmel blau, es ist kalt und die Aussicht auf das Matterhorn auf der anderen Seite des Rhonethals ist sensationell. Plötzlich sicher, dass alleine wegfahren am besten ist, kann ich nämlich ganz schnell los und genau die Route gehen, auf die ich Lust habe: Hoch zum Gletscher Plaine Morte.

Meine anfängliche Allein-sein-Euphorie wird schnell gedämmt

Ich war morgens anscheinend so müde, dass ich die falschen Skischuhe angezogen habe. Als ich die Tourenbindung auf Aufstieg einstellen will, passen die Skischuhe nicht hinein. Natürlich habe ich den Schraubenzieher vergessen. War ja klar. Erste Feststellung des Tages: Allein sein kann sich nur ein gut organisierter Mensch leisten.

Zum Glück kommen ein paar Tourengeher vorbei. Mit einem Taschenmesser verstellen sie meine Bindung, dann fotografieren sie meine Skischuhe: Salomon Heckeinsteiger, mindestens 15 Jahre alt. Sie lachen und sagen: „Die Route ist nicht so gut zum Gehen und das Runterfahren ist anspruchsvoll.“ Ich lächele, innerlich denke ich: „Euch zeig ich´s“. Mitleidig werde ich dann noch gefragt, ob ich weiß, wie man die Felle aufzieht. Dazu sage ich nichts mehr. 20 Minuten später hole ich die ersten beiden ein. Der eine sagt „Ich bin zu alt“. Der andere schnappt zu sehr nach Luft, um reden zu können. Der, der angeblich zu alt ist, gibt jetzt aber Gas und hängt mich ab. Als ich die Skischuh-Helfer-Gruppe drei Stunden später auf dem Gipfel wiedertreffe, werde ich mit „Gar nicht schlecht für eine Deutsche“ begrüßt. Gerade als ich sie bitten will, ein Foto von mir auf dem Gipfel zu machen, fahren sie ab. Ich bin wieder allein. Ich versuche ein Gipfelfoto mit mir, den Heckeinsteigern und den Gipfeln vom Matterhorn sowie dem Mont Blanc. Auf dem einzigen, auf dem alles drauf ist, habe ich ein Doppelkinn. Ich drehe mich um und schaue mir die Berge einfach an. Ich fühle mich sehr klein und unwichtig auf diesem 3000m hohen Gipfel. So geht es mir in den Bergen oft, aber jetzt wo ich alleine bin und keiner mich zum Abfahren drängt, weil ihm kalt ist oder er Hunger hat, koste ich es richtig aus. Erst als zwei weitere Tourengeher kommen und den Frieden stören, geht’s bergab.

Alleine runter? Zu Gefährlich!

Geplant war, dass ich über das Aminonatal abfahre. Ich muss nur über den Bonvin fahren, zehn Meter Treppchen gehen und dann könnte ich die Tiefschneehänge hinunter fahren. Am Ende ist zwar noch ein Ziehweg, aber er dauert nur zehn Minuten und ist die tollen Abhänge und die sensationelle Aussicht absolut wert. Von unten fährt praktischerweise ein Bus direkt zur Ferienwohnung zurück. Es spricht alles dafür hinunter zu fahren. Ich bin das Tal schon oft gefahren, ich kenne es gut. Aber als ich am ersten Hang stehe, bekomme ich Angst. Es ist ein Schattenhang, er sieht sicher aus. Aber was ist, wenn doch was abgeht? Selbst wenn ich den Lawinenrucksack rechtzeitig ziehe, wer holt mich da raus? Meine Schippe und Sonde, selbst der Lawinenpiepser – ohne jemand anderen ist alles nutzlos. Ich kehre um und fahre die Hänge, die direkt an die Hochgehroute grenzen. Es fühlt sich sicherer an, weil Menschen sehe, die hochlaufen und im Notfall eben auch mich sehen müssten.

Unten habe ich wirklich Hunger. Ich will in die Hütte Cabanes des Violettes und Rösti essen. Als ich reingehe sitzen an den vollen Tischen überall Familien oder Skifahrgruppen. Ich fühle mich unwohl. Einerseits, weil ich Angst habe, dass mich jemand anspricht und ich gerade wirklich nicht reden will. Andererseits, weil es mir unangenehm ist, alleine unterwegs zu sein. Die Menschen müssen denken, dass ich niemanden habe, der mit mir Ski fahren gehen will. Komisch, sonst ist mir sowas egal. Vielleicht, weil es sich dieses Mal wahr anfühlt. Ich fahre ab. In der Ferienwohnung mache ich mir Miracoli. Auf der Packung steht „Für drei Portionen“. Bei mir reicht sie nur für mich. Naja, sieht ja wieder keiner.

Der nächste Morgen…

Am nächsten Morgen erwache ich mit Muskelkater und leichten Halsschmerzen. Also Pausentag. Ich laufe durch Crans, ein Ort des Skigebiets Crans-Montana-Aminona. Crans ist bekannt für Damen im Pelzmantel und Chanel-Boutiquen. Zwischen leuchtend grünen Prada- und dezent gemusterten braunen Louis-Vuiton-Taschen laufe ich mit meinem dreckig grauen Deuter-Rucksack herum. Ich fotografiere eine zwei Meter große Mops-Statue. Die würde ich gerne meiner Schwester zeigen. Ich habe Lust in die Läden zu gehen, die teuren Kleider und Mäntel anzuprobieren und so zu tun, als könnte ich sie mir leisten. Aber alleine macht es keinen Spaß. Ich fahre nach Hause und gucke Fernsehen.

Ich will nicht reden, sondern meine Ruhe.

Am letzten Morgen will ich früh aufstehen, um zu einer Tour aufzubrechen. Natürlich verschlafe ich den Wecker. Bei strahlendem Sonnenschein breche ich auf, um auf den Bellalui hochzulaufen. Oben beim Gipfel sind Wiesen, die toll bei Neuschnee sind. Außerdem wird man von der Piste gesehen und die Hänge werden abgesprengt, damit keine Lawine auf die Pisten abgehen kann. Der Aufstieg ist schön und die Abfahrt ist klasse. Die Bellalui-Hänge enden mit Felsen bei denen es 20 Metern nach unten geht. Aber auch sie sind gut von der Piste zu sehen, man weiß also Bescheid. Nach meiner Abfahrt halte ich hungrig bei der Käserei Buvette de Pépinet. Eine Gastronomie ist angeschlossen. Erstaunlich viele Leute sitzen hier alleine. Aber nach und nach werden alle von irgendwem abgeholt. Ich esse meine Croûte au fromage, es schmeckt toll.

Am Nachmittag will ich von der Mittelstation aus den Cry d´Er hochgehen. Ich treffe eines der Pärchen, die mir beim Plaine Morte Aufstieg und der Schuh Katastrophe geholfen haben. Wir gehen ein Stück zusammen. Die beiden reden. Ganz schön viel. Vor allem von sich selbst. Was sie wann, wo und mit wem gemacht haben. Wie toll das war. Wie toll sie sind. Wie toll sie Ski fahren. Ich will nicht reden, sondern meine Ruhe. Bei der nächsten Kreuzung tue ich so, als würde ich in die entgegengesetzte Richtung wollen. Es ist eine Piste, die noch geschlossen ist. Von oben treffen mich immer wieder Eisbrocken, die sich von einer Felswand lösen. Das Kopfkino startet erneut: Ein Eisbrocken, der mich am Kopf trifft. Ich bin ohnmächtig. Keiner wird mich vermissen, keiner wird nach mir suchen und keiner weiß, wo ich bin. Ich habe das Gefühl, dass ich, egal wo ich hingehe, entweder Menschen treffe oder es gefährlich ist. Auf beides habe ich keine Lust und fahre nach Hause. Da setze ich mich auf den Balkon und betrachte das wunderschöne Waliser Alpenpanorama. Ich genieße die Berge, alleine und sicher.

Infos

Essen gehen in Crans-Montana:

  • Café Taillens Avenue de la Gare 8, 3963 Randogne, Schweiz
  • Käserei Buvette de Pépinet, Abfahrt Bergstation Violettes Richtung Mittelstation Violettes, ausgeschildert auf halbem Weg
  • Cabane des Violettes Tradionelle walliser Küche. Empfehlung des Küchenchefs sind Rösti. Die SAC Hütte liegt direkt unterhalb der Bergstation Les Violettes.

Nicht erwähnt, aber auch gut:

Geöffnet bei gutem Wetter:

  • Cabane des Taules Bei der Sesselbahn Toula, lohnenswert schon alleine wegen des Inhabers, meistens läuft gute Musik
  • Hotel und Restaurant Chetzeron
    Abfahrt Bergstation Montana Richtung Montana Talstation, Luxushotel in einer ehemaligen Liftstation

Infos zum Skigebiet Crans-Monata-Aminona

Das Skigebiet Crans-Montana-Aminona ist im schweizer Kanton Wallis. Die nächsten Flughäfen sind Sion und Genf. Es liegt zwischen 1500 und 3000 m. Insgesamt hat es 140 Pistenkilometer. Der Gletscher des Plaine Morte eignet sich auch als Start für zahlreiche Touren unter anderem zum Rohrbachstein und Wildstrubel.

www.crans-montana.ch