Es ist eisig kalt. Der Schnee peitscht uns von der Seite gegen die Wange, unsere Gore Tex Klamotten gleichen inzwischen einer Rüstung aus Stahl — von Kopf bis Fuß ist einfach alles eingefroren. Der Nebel ist so dicht geworden, dass wir uns entschließen den Rest des Gletschers am Seil abzufahren, um heil durch dieses Mienenfeld aus Vulkangestein und Spalten zu gelangen.

24 Stunden vorher: wir sitzen bei einem Bierchen in unserer Studentenbude in Reykjavík. Unser Auslandssemester neigt sich dem Ende zu, die letzten Prüfungen stehen an und die Sonne ist, wenn überhaupt nur noch für einige Minuten während des Sonnenauf –bzw. untergangs zu sehen. (Ist eigentlich auch egal wie man es nennt, es passiert sowieso zur gleichen Zeit). Ein Erasmus Aufenthalt auf Island ist nicht wie jedes andere Semester auf diesem Planeten. Die Zahl der ausländischen Studenten, die verrückt nach Outdooraktivitäten jeglicher Art sind, ist kaum zu übertreffen. So kam es, dass die Crew für den ersten Skitrip des Jahres nicht nur aus Skifahrern bestand und einige den Vulkan Namens Snæfellsnes zu Fuß bestiegen. Dass unsere Gruppe mit zahlreichen Nationalitäten bestückt war, ist hier in Reykjavík keine Seltenheit. Wir kippten die letzten Schlucke unseres sechs Euro billigen Skriðjökulls hinunter, diskutierten über den Wecker am nächsten Morgen und verschwanden in unseren mehr oder weniger gemütlichen Betten.

Die Vulkane auf Island sind alle noch recht jung und noch nicht bewachsen. Die Oberfläche besteht also meistens aus Geröll oder ist vergletschert. Zum Zeitpunkt der ersten beiden Trips hatte es wenig Schnee, die ersten Kilometer mussten also zu Fuß zurückgelegt werden. Bei verhältnismäßig gutem Wetter setzt sich unser bunter Haufen in Bewegung und marschiert mit Steigeisen, Langlaufski und Tourenski der Dämmerung entgegen. 6 Stunden später, nach ein paar Klettereien, stehen wir am Gipfel des Snæfellsnes und genießen den Blick auf’s Meer. Am Horizont steht schon die nächste Wetterfront in den Startlöchern, die uns leider viel früher erwischte als es uns der Wetterbericht versprach. Auf Island wechselt das Wetter von einem Moment auf den anderen – doch so extrem wie an diesem Tag, hatten wir es selten erlebt. Nur Minuten später finden wir uns inmitten der gewaltigen Front und können kaum die Hand vor dem Gesicht erkennen. Der erste Teil der Gruppe beginnt mit dem Anstieg, die anderen bereiten sich auf die Abfahrt vor, kein leichtes Unterfangen bei Windgeschwindigkeiten bis zu 80km/h. Nach einigen Schwüngen, entschliessen wir uns den Rest des Gletschers am Seil abzufahren, da die Gefahr eines Gletschersturzes einfach zu groß wurde. Wir verlieren zwar etwas die Orientierung, kommen jedoch nach 12 Stunden müde und erschöpft am Auto heil wieder an.

Für die zweite Tour haben wir uns etwas ganz besonderes überlegt. Als wir eines Abends im Dezember am Fuße des Eyjafjallajokulls unser Auto abstellen, schlagen wir erst einmal ein halbwegs komfortables Camp auf. Im Zelt ist’s zwar furchtbar kalt, doch der Himmel war klar und wunderschöne Nordlichter machen diese Nacht zu einem echten Erlebnis. Diesmal sind wir nur zu viert und zwar vier Skifahrer, was den Aufstieg etwas erleichterte. Trotzdem legen wir auch diesmal, mit Ski und Schuh auf dem Rücken, die ersten Kilometer zu Fuß zurück. Es war so kalt, dass ich mir beinahe meinen Knöchel gebrochen hätte, als ich versuche in meinen scheinbar stählernen Skischuh zu schlüpfen.  Mit einem traumhaften Sonnenaufgang werden wir für die harten Morgenstunden dann aber besonders belohnt. Der Blick aufs Meer und die umliegenden Berge machte diesen Trip in Kombination mit den seltenen Sonnenstrahlen zu einem ganz besonderen Moment. Wenig später erreichten wir dann auch schon den höchsten Punkt des Eyjafjallajokull. Ein mancher erinnert sich vielleicht noch an diesen Namen und das zurecht, denn 2010 sorgte der Ausbruch dieses Vulkans für ein riesiges Chaos im europäischen Flugverkehr. Mit der Sonne war es aber auch diesmal schnell vorbei, denn wieder einmal zeigte sich Island von seiner rauen Seite und unser Wetterfenster hatte sich um eine Stunde verkleinert. Trotz dessen genossen wir die 1000hm Abfahrt und fuhren erschöpft nach Reykjavík zurück.

Eine Woche später – als unser größtes Abenteuer beginnt – fängt es dann endlich heftig an zu schneien. Zwar nicht wie wir es kennen — nach dem Motto „Leise rieselt der Schnee“— sondern eher im brachialen Islandstyle, von der Seite, getragen vom Wind. Es war der Tag nach unserer letzten Prüfung und gleichzeitig der Morgen nach der letzten großen Party. Dementsprechend müde waren die zehn Gesichter, die sich mit zwei Autos auf den Weg nach Akureyri im Norden der Insel machten. Es war Off-Season, deshalb konnten wir uns die Unterkunft für die nächsten Tage überhaupt leisten. In coolen Zimmern und einer großen Küche ließen wir uns es gut gehen, doch das absolute Highlight war natürlich der Hot Tub im Vorgarten, in den wir uns alle zusammen reinquetschten.

Als wir am nächsten Morgen den Fuß vor die Türe setzten, staunten wir nicht schlecht, als unser Auto unter dem frischen Neuschnee kaum mehr zu erkennen war. Der Plan steht fest. Von der Hütte wollen wir bis zum Fjord abfahren, hochlaufen und erneut bis zum Meer powdern. Auf halber Strecke entdecken wir jedoch einen Felsen, der ideal ist, um seine Freestyle Skills etwas aufzufrischen. Bei 60cm Neuschnee kann einfach nichts passieren, also hauen wir Frontflips und 360er über das Cliff. Die Landung ist flach, doch das juckt uns nicht.

Am zweiten Tag werden wir morgens erneut von einer kräftigen Ladung Neuschnee begrüßt, also können wir den Plan vom Vortag umsetzen. Für uns ist es inzwischen zwar nichts Neues mehr vom Gipfel auf die Fjorde zu schauen, doch eine 1000hm Powderabfahrt vor sich zu haben, steigert die Vorfreude ins unermessliche. Während des Aufstiegs freuen wir uns auf den Run wie kleine Kinder auf Weihnachten.

Für uns alle ist mit diesem Semester ein Traum in Erfüllung gegangen. Dabei waren es nicht nur die grandiosen Skitrips, sondern auch die zahlreichen Trekkingtouren und Bergtouren im Sommer, die unsere Zeit in Reykjavík zu einer Besonderen machten. Allein das Leben auf dem Campus ist schon ein Erlebnis für sich, denn noch nie habe ich so viele verrückte Outdoorfanatiker aus zahlreichen Nationen an einem Fleck gesehen. Ich würde es auf jeden Fall ein zweites Mal machen.

Text: Sebastian Lickert

Fotos: Sebastian Lickert, Dan Rohn, Hakon Broder Lund

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