Mitte Februar machen sich 27 Kinder aus der Grundschule Plaidt ins 450 km entfernte Tannheimer Tal auf. Ihr Ziel: Skifahren lernen, Gemeinschaft üben. Mit dabei: Initiatorin Angelika Dähler. Grundschulkinder aus Rheinland-Pfalz und ein Skischulaufenthalt? Kein Widerspruch, findet die Konrektorin.

Text: Sabine Listmann

Die kleine Leni schleppt schwer an ihren Skiern, die Brille hängt schief. Auch das Laufen in den Skischuhen läuft noch nicht rund. Angelika Dähler treibt sanft von hinten an, denn Leni und weitere 26 Kinder der Grundschule Plaidt müssen den Skibus erreichen. Dieser wird die Gruppe zum Übungshang bringen. Dort schart die zweite Lehrerin im Bunde, die junge Anna Geich-Gimbel die Kinder zur Skigymnastik um sich. „Das kennt ihr aus dem Sportunterricht“, ruft sie. Die Kinder wärmen sich mit Übungen namens Hamburger, Chicken Nuggets oder Milkshake im Schnee auf. Bald gibt es ein vergnügtes Chaos neben der Piste und jede Menge rotwangige Kinder.

Angelika Dähler, stellvertretende Schulleiterin der Grundschule in Plaidt, reist bereits zum sechsten Mal nach Schattwald ins Tannheimer Tal mit einer Horde Kinder aller Klassenstufen im Alter zwischen 6 und 10 Jahren. Einige waren schon mehrmals dabei und können bereits in die fortgeschrittenere Gruppe eingeteilt werden. Alle anderen üben erst ohne Hardware am flachen Hang. „Du wirst sehen: spätestens morgen Nachmittag fahren die alle ohne Probleme die ersten Pisten“, schmunzelt Dähler. Ihr Mann Horst, pensionierter Lehrer, hat alle Skischulaufenthalte begleitet und erinnert sich noch an jedes Gesicht aus den letzten Jahren. Angefangen hat alles mit einem handschriftlich verfassten Briefs eines Tirolers, der in seine schöne Region und Unterkunft einlud. Angelika ließ sich nicht lange bitten. Sie selbst ist seit ihrer Jugend passionierte Skifahrerin und mehrmals im Jahr im Schnee. Überzeugt, dass eine Skireise auch mit Grundschülern umzusetzen sei, fackelte Angelika nicht lange, machte zusammen mit Horst den Übungsleiterschein, diskutierte mit Kollegium und Schulleitung und leistete Lobbyarbeit in einer Gegend, die mehrere hundert Kilometer von den Alpen entfernt liegt und in der eher Fußball oder Badminton das Vereinsleben bestimmen. 2013 kann sie ihre erste Gruppe Kinder und ein paar begleitende Eltern mit in den Schnee nehmen.

Alle helfen mit, auch die lokalen Supermärkte

Die ersten Stunden auf dem Übungshang sind vergangen. Anne fährt mittlerweile alleine Tellerlift und die ersten Pistenkilometer langsam ab. Ihre Mutter Kathrin ist begeistert: „Wahnsinn, was sie in so kurzer Zeit gelernt hat.“ Kathrin und einige andere Eltern haben die Gelegenheit ergriffen und sind gleich mit ins Allgäu gefahren. Sie kommen im Ort in den umliegenden Pensionen unter. Die Kinder sind in einem Selbstversorgerhaus mit Mehrbettzimmern untergebracht. Frühstück und Abendessen werden von Claudia, der „mitgebrachten“ Küchenfee organisiert. Zahlreiche Kuchen, Wurst und Käse wurden aus der Heimat importiert. Die Plaidter Filialen von Rewe und Edeka spenden Obstkisten. Intersport Krumholz spendet Überzieher, damit die Kids eindeutig auf der Piste erkennbar sind. So können die Kosten für die Freizeit niedrig gehalten werden. Die Anreise erfolgt mit dem Bus, Unterricht erteilen die beiden Lehrerinnen selbst. Nur mittags und am An- und Abreisetag wird günstig auswärts gegessen. Eine logistische Meisterleistung von Angelika, die man oft mit Liste und Lesebrille antrifft. Der Aufwand lohnt sich. Der Ablauf ist mittlerweile perfektioniert. Vor allem erstaunt aber die Mitarbeit und Disziplin der Kinder. Am ersten Skitag stehen die meisten schon eine Stunde vor Abfahrt in voller Montur im Gang. Am Nachmittag wird unaufgefordert geduscht. Selbstständig richten die Kinder ihr Material für den nächsten Tag. Julius findet seine Skibrille nicht. Sarah hilft suchen. Auch auf der Piste helfen die erfahreneren Kindern den Anfängern beim Aufstehen, am Lift oder beim Einsteigen in die Ski.

Vor dem Abendessen trommelt Dähler die Kinder noch mal in den Gemeinschaftsraum. Da kommt die mitgebrachte Gitarre zum Einsatz. „I will Schifoan“ wird besonders laut geschmettert. Oder es gibt eine kurze Unterrichtseinheit, wie lauten die vier Fälle eines Nomens, wie sind Vulkane aufgebaut , wie rechnet man große Zehnerzahlen im Kopf, wie lauten die Pistenregeln. Angelika hält kurz inne: „Die lernen hier so viel. So viel mehr als nur Mathe oder Deutsch. Sozialkompetenz, Selbstständigkeit. Selbstwertgefühl.“ „Schnelle Lernerfolge im neuen Umfeld führen zu Erfolgserlebnissen und zu neuen, klassenübergreifenden Kontakten“, so formuliert es Angelika überzeugend in ihrem Konzept, welches sie dem Schulelternbeirat vorlegt. Überzeugungsarbeit muss sie jedes Jahr neu leisten, denn sie stößt mit ihrer Skischulwoche nicht überall auf Zustimmung. Immerhin muss der Unterrichtsstoff einer Woche von den Kindern nachgearbeitet werden. „Leider haben auch viele Eltern Angst, es könne was passieren. Skifahren ist halt kein Sport in der Halle“, so Dähler.

Schnelle Fortschritte – nicht nur für die Kids

Zurück auf die Piste. Mittagessen und Skiwasser gibt’s in der Hütte direkt an der Piste. Einige Mitreisende haben gar keine Kinder mehr im Grundschulalter. „Wir sind vor ein paar Jahren das erste Mal dabei gewesen. Mittlerweile kommen wir öfter im Jahr hierher“, sagt Roland. Mit hierher meint er den Ort Schattwald im Tannheimer Tal. Horst und Roland fahren mit den Schnellsten die schwarze Piste und filmen dabei. Es ist Nebensaison, es ist nicht viel los. Die Plaidter sind hier gern gesehene Gäste. Auch Mutter Kathrin hat der Skivirus erfasst. Kurzerhand bucht sie eine Stunde Privatunterricht. Als sie ihre ersten Kurven fährt, wird sie von allen gefeiert. Nach dem Tag ist sie euphorisch. „Ich habe mich sofort wieder für 2019 angemeldet.“ So leistet der Aufenthalt im Schnee nicht nur Nachwuchsarbeit für die Kids, sondern bringt ganze Familien zum Skifahren. Gerade in Zeiten, in denen der Skisport Nachwuchsprobleme hat und sogar in Österreich Skischulwochen abgeschafft werden, umso erstaunlicher, dass es eine Grundschule aus Rheinland-Pfalz möglich macht.

 

Schon vorbei?

Die Tage verfliegen. Donnerstagabend wird resümiert. Nico jammert: „Schade, dass es schon vorbei ist.“ Ob er seine Eltern vermisst habe? Jonas zögert: „Eigentlich nicht. Nur auf meinen Hund freue ich mich richtig.“ Um neun Uhr am Abend fällt im Haus die Klappe. Einige Kinder scheinen dankbar, dass sie nun endlich schlafen dürfen. Die Erwachsenen treffen sich auf ein Gläschen selbstgemachten Likör. Horst begeistert durch Anekdoten aus den vergangenen Jahren. „Es wäre so schade, wenn wir diese Skischulwoche nicht weiterführen könnten“, meint Angelika. Sie geht in zwei Jahren in Pension und es braucht engagierte Menschen wie sie und ihren Mann, um ein solches Projekt erfolgreich weiterzuführen. Am Freitag steht die Abreise an. Im vollgeladenen Reisebus geht es nach Plaidt zurück. Das Einräumen der Taschen ist Gemeinschaftsarbeit und in dreißig Minuten erledigt. Zum Abschluss gibt es für alle Kinder eine Urkunde. Die Bilanz: Jedes Kind kann nach den drei Tagen Skifahren. Zwei Kartons Rohkost, sieben Kuchen und 150 Brötchen wurden verspeist. Nur ein geknickter Leihski muss bedauert werden. Eine große neue Skifamilie wurde geboren.